Der O-Ton

Interview mit Jonas Glüsenkamp

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Heute im Gespräch: Bürgermeister Jonas Glüsenkamp

„Corona ist genau das Gegenteil von Mitmachstadt“

In einigen Tagen können Sie Ihr erstes Jahr im Rathaus feiern. Haben Sie sich Ihre neue Aufgabe so vorgestellt oder sind Sie doch etwas überrascht?

Jonas Glüsenkamp: Ich habe ja in der Privatwirtschaft gearbeitet. Und klar: Von außen meint man ja immer schnell zu wissen, was die Politik so alles falsch macht. Man denkt sich: Das geht doch besser! Geht es an vielen Stellen auch, aber natürlich ist das mit viel harter Arbeit verbunden. Andererseits ist das für mich genau die Motivation gewesen, einen neuen Beruf zu ergreifen. Und jetzt mache ich also selbst Politik und höre jeden Tag die Leute draußen, die sagen: Warum machen „die da“ es so und nicht anders und besser. Man merkt schon, dass einige Dinge, die man eigentlich ganz schnell ändern könnte, in der Praxis nicht so schnell zu ändern sind. Man bekommt Einblicke in Hintergründe und Abläufe und versteht plötzlich, wo die Zeit liegen bleibt – teils sinnvoll, weil Details einfach genau geprüft werden müssen, teils aber auch nur, weil eingetretene Wege nicht verlassen werden. Und da gilt es dann auch mal, neue Pfade zu öffnen. Da kosten auch kleine Änderungen mal viel Kraft, aber genau dafür brenne ich. 

Sie sind mit dem Schlagwort MITMACHSTADT in den Wahlkampf und ins Rathaus gestartet. Da konnten Sie aber noch nichts von Corona ahnen. 

Die Mitmachstadt ist die Überzeugung, dass die besten Ideen mit der Stadtgesellschaft und nicht zwingend hinter den Rathausmauern entstehen, auch wenn es dort viele engagierte Menschen gibt. Und es ist richtig: Corona ist genau das Gegenteil von Mitmachstadt. Ich komme kaum mit Leuten in Kontakt, kann kaum mit Menschen sprechen. Sofern es meine Zeit zulässt, klicke ich mich immer wieder in die sozialen Netzwerke und kommentiere auf Instagram und Facebook die Anliegen und Sorgen der User. Die Debatten im Netz sind ja oft sehr rau und schnell auch emotional und unsachlich. Deshalb darf man sich ihnen aber nicht verschließen, denn das wird die Distanz zu „denen da oben“ noch größer. Ich finde, ein Politiker muss auch da sein, wo es mal derber zugeht. Ich freue mich aber schon auf die Zeiten, wenn man sich wieder persönlich beim Diskutieren in die Augen sehen kann – in einem Café, am Stammtisch oder auch auf einem politischen Podium. 

Neben Corona sorgten zuletzt auch verschiedene Störfeuer im Rathaus für Unruhe. Wie sehen Sie die Unruhe rund um den Rechnungsprüfungsbericht und die damit verbundenen Vorwürfe an die Politik?

Auch das hätte ich mir natürlich anders gewünscht. Das Leben ist aber kein Wunschkonzert und es geht in der Politik nicht nur um Themen, die man selbst anstößt, sondern auch um Dinge, die von außen auf einen hereinbrechen. Ich verstehe sehr gut, dass Bürgerinnen und Bürger auf Grund der Vorwürfe ablehnend reagieren und enttäuscht sind. Es ist deshalb wichtig, dass wir uns den Vorwürfen stellen und vor allem Konsequenzen ziehen. Ich habe daran allein schon ein persönliches Interesse, weil ich verstehen möchte, wo Strukturen auch zu Fehlern geführt haben. Das wichtigste bei Fehlern ist, dass man sie nicht wiederholt. Dafür müssen wir eine bessere Personalsteuerung und einheitlichere Vorgehen in der Stadt implementieren. Daran will ich mitarbeiten. Außerdem will ich dazu beitragen, dass es keine Art Generalverdacht gegen jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter in der Stadtverwaltung gibt. Das ist nicht gerechtfertigt. 

Auch Ihre Partei geriet abseits des Rechnungsprüfungsberichts zuletzt in die Schlagzeilen. Es gebe ein Generationenproblem, man sei sich hinter den Kulissen um es salopp zu formulieren nicht mehr „ganz grün“. Ein berechtigter Vorwurf?

Viele Menschen lehnen ja auch ab, dass sich immer alle einig sind in Parteien. Das wirkt immer so, als ob von oben mit der Peitsche regiert wird und andere Meinungen erst gar nicht geduldet und angehört werden. Ich will, dass wir als Grüne miteinander diskutieren und um die besten Antworten ringen. Wenn aber ein Diskurs in einer Partei stattfindet, dann heißt es schnell: Was für ein zerstrittener Haufen! Bei uns ist es aktuell ganz konkret so, dass wir eine völlig neue Rolle eingenommen haben. Nachdem wir 40 Jahre sehr engagierte und wichtige Oppositionsarbeit abgeliefert haben, sind wir jetzt Kooperationspartner der SPD im Rathaus. Diese Veränderung in den letzten Jahrzehnten sieht man ganz plakativ ja auch äußerlich: Ursprünglich haben die Grünen in Bamberg Gebäude besetzt, hatten vielleicht auch mal Streit mit der Polizei und trugen lange Haare. Gut, meine Frisur ist Dank Corona aktuell auch etwas aus der Form, aber 2021 gestalten wir aktiv die Politik im Rathaus mit und stellen den zweiten Bürgermeister. Insofern sind wir ein Stück weit „Establishment“. Was das bedeutet und wie wir uns unseren kritischen Geist bewahren können, dazu gibt es immer auch mal Diskussionen. Aber ich kann allen Mitgliedern in die Augen sehen und hoffentlich bald auch mit allen mal wieder ein gemeinsames Bier trinken gehen. Wir sind eine tolle Partei, ich schätze die kritischen Geister und uns eint etwas: Die Überzeugung, dass es Veränderungen braucht um Bamberg so zu erhalten, wie die Menschen es lieben. Dazu gehört der Umweltschutz aus Verantwortung für unsere Enkel, das soziale Miteinander und Wirtschaftskonzepte, die zukunftsfähig sind.

Ideen, die da sind?

Das sind zu viele für ein Interview, aber ich greife gerne ein aktuelles Thema auf: Corona prägt uns ja auch vor Ort und ich stelle mir schon die Frage, wie es nach Corona mit der Innenstadt weiter geht. Im Lockdown haben immer mehr Menschen zwangsläufig online bestellt, auch solche, die das noch nie zuvor gemacht haben. Und sind damit auch noch zufrieden. Es ist bequem, einkaufen abends gemütlich auf der Wohnzimmercouch. Aber: Es hat einen Preis für unsere Stadt. Ich denke, dass wir vor dramatischen Umbrüchen in den Innenstädten stehen. Was lockt Menschen in Zukunft in das Stadtzentrum? Steht der Einkauf im Mittelpunkt? Oder schätzt man nicht den Wohlfühlwert, das Miteinander, das Erlebnis und kauft dann ganz selbstverständlich auch etwas ein? Weil’s einfach Spaß macht. Wir müssen die Innenstadt zukünftig viel stärker durchmischen und neben Einzelhandel auch Musterprojekte starten für Kultur und Begegnung, vielleicht sogar kleine Handwerkerdienstleistungen wieder direkt in die Innenstadt zurückholen, wie beispielsweise Repair-Cafés, in denen Dinge repariert werden. Wir müssen den öffentlichen Raum aufwerten durch Grün und Aufenthaltsqualität. Als Nebeneffekt werden die Menschen auch in der Innenstadt einkaufen. 

Motto: Urlaub zu Hause!

Genau. Dieses Wohlfühlflair unterscheidet Bamberg doch von den sterilen, oftmals unpersönlichen und austauschbaren Einkaufszentren draußen auf der grünen Wiese. Wem es nur darum geht direkt vor der Ladentür parken zu können, dem werden wir im Welterbe nie ein konkurrierendes Angebot zur Grünen Wiese oder zum online-shop machen können. Für alle die mit dem Auto kommen wollen, müssen wir unser Park& Ride weiter ausbauen und unser Parkleitsystem verbessern. Menschen, für die Genießen und Erholen im Vordergrund steht, die zieht es in die Innenstadt. Diese Erholung müssen wir ihnen geben ohne An- und Abreisestress und langes Warten an Fußgängerampeln. 

Telefon-Sprechstunde

Am Mittwoch, 3. März 2021, findet von 12.00 bis 14.00 Uhr bei Bürgermeister Jonas Glüsenkamp eine Sprechstunde statt. Aufgrund der Corona-Lage kann diese derzeit leider nur telefonisch durchgeführt werden. Alle Bürgerinnen und Bürger, die Fragen oder Anliegen rund um die Themen Umwelt, Mobilität und Soziales haben, sind herzlich dazu eingeladen. Damit die Leitung nicht besetzt ist, werden Anruftermine vergeben. Interessenten werden deshalb um Voranmeldung per E-Mail oder Telefon gebeten. Ansprechpartner ist Herr Bernd Möhrlein, Tel. 87-1120 bzw. E-Mail: buergeranfragen@ stadt.bamberg.de.

 

 

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